Die Erziehung mit Hilfe von Geschichten verändert die Verhaltensweise des Kindes

  • Veröffentlicht:21.02.2013
  • Kategorie:Kinder
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Eine Mutter erzählt:

 

Wir haben eine verheiratete Bekannte mit zwei Kindern, fünf und sechs Jahre alt. Als ich sie einmal besuchte, verbat sie ihren Kindern, mit dem Wecker ihres Vaters zu spielen. Dabei bemerkte ich, dass die Kinder ihrer Mutter kein Gehör schenkten.

 

Da sagte ich zu ihnen: Wollt ihr eine schöne Geschichte hören?

Sie setzten sich voller Aufmerksamkeit neben mich, weil sie Geschichten mochten. Ich fing an zu erzählen: Es war einmal ein kleiner Junge namens Mustafâ. Er war fünf Jahre alt. Er spielte im Schlafzimmer seiner Eltern gerne mit dem Wecker. Sein Vater forderte ihn mehrmals dazu auf, dies zu unterlassen. Er aber mochte es, da es ein schönes Spiel war. Er hörte daher nicht auf und spielte auch weiterhin mit dem Wecker seines Vaters. Er drehte an dem Wecker, drehte nach links und nach rechts und lachte und sah, wie sich der Zeiger nach links und nach rechts bewegte...

 

Haltet ihr Mustafâ für einen guten Jungen? Die Kinder sagten: Nein!

Am Festtag waren Mustafâ und seine Familie bei der Familie seines Freundes eingeladen. Mustafâ freute sich riesig über diese Einladung, weil er dort all seine muslimischen Freunde sehen würde. Sie würden dort gemeinsam spielen, Süßigkeiten essen und Erfrischungsgetränke trinken. Mustafâ erwartete diesen Tag bereits ganz ungeduldig. Die Feier sollte am Abend von sieben bis neun Uhr stattfinden.

 

Am Festtag bereitete Mustafâ sich vor und zog seine neue Kleidung an. Er war überglücklich und wartete darauf, dass es endlich sieben Uhr würde.

 

Gegen fünf Uhr wurde es Mustafâ langweilig. Daher ging er ins Schlafzimmer seiner Eltern und begann mit dem Wecker zu spielen. Er drehte an den Zeigern und änderte die Zeit von fünf auf drei Uhr. Sein Vater rief ihn und sie aßen gemeinsam zu Abend. Danach gingen die Eltern in ihr Zimmer und Mustafâ ging in sein Zimmer. Alle zehn Minuten fragte er sie: Gehen wir jetzt zur Feier?

 

Sie antworteten: Wir haben noch Zeit. Mustafâ wartete sehnsüchtig darauf, endlich mit seinen Freunden und Bekannten spielen zu können. Als sie nun gemeinsam zum Haus fuhren und Mustafâ an der Tür klopfte, machte Herr Riyâd die Wohnungstür auf. Mustafâ sagte zu ihm: As-Salâmu Alaikum, wir sind zur Feier gekommen.

 

Herr Riyâd entgegnete: Welche Feier? Die Feier ist zu Ende. Es ist jetzt neun Uhr.
Die Mutter schaute auf ihre Uhr und sagte: Das stimmt. Es ist jetzt wirklich neun Uhr.

 

Mustafâs Vater sagte: Aber auf der Uhr zu Hause ist es erst sieben Uhr.
Sie dachten nach und fragten Mustafâ: Hast du etwa wieder an dem Wecker gespielt?

 

Er antwortete: Ja.

Seine Mutter sagte zu ihm: Wir haben dir doch gesagt, dass du nicht mehr mit dem Wecker spielen sollst! Sieh, was jetzt passiert ist! Wir haben die Feier verpasst, weil du nicht auf uns gehört und mit dem Wecker gespielt hast.

 

Mustafâ war sehr traurig darüber, dass er das Fest verpasst hatte. Er lernte daraus eine Lektion und versprach seinen Eltern, diese schlechte Sache nicht noch einmal zu machen.

 

Die beiden Kinder hörten der Geschichte aufmerksam zu. Ich denke, dass sie eine Lektion gelernt haben, die sie nur schwer durch die übliche Aussage gelernt hätten: Hört auf die Anweisung eurer Eltern.... Kinder sind unser Fleisch und Blut!

 

Warum die Geschichte?

In jeder Geschichte steckt ein Zauber, der die Seelen verzaubert. Was für ein Zauber ist das und wie wirkt er auf die Seelen?

 

Das weiß niemand so genau. Ist es die Phantasie, die den Geschehnissen der Geschichte von Situation zu Situation, Verhalten zu Verhalten und Verhalten zu Gefühlen folgt?

 

Oder ist es die emotionale Anteilnahme für die Personen der Geschichte und der seelische Einfluss in Form von explodierenden Gefühlen?

 

Oder ist es das Mitfühlen der Seele bei den einzelnen Geschehnissen, indem sich der Mensch in die Ereignisse versetzt, wobei er doch nur von Weitem beobachtet?

 

Wie auch immer, der Leser oder Zuhörer einer Geschichte kann keine passive Haltung gegenüber deren Personen oder Ereignisse einnehmen. Ob bewusst oder unbewusst, er integriert sich selbst in die Ereignisse. Er stellt sich vor, er sei in dieser Situation und wägt geistig zwischen sich und den Figuren der Geschichte ab. So stimmt er zu und lehnt ab und wird von der Faszination gefangen.

 

Der Islâm versteht die natürliche Neigung zur Geschichte auf Grund ihres zauberhaften Einflusses auf die Herzen. Er achtet sie als Mittel zur Erziehung und Berichtigung (Kinder sind unser Fleisch und Blut!).

 

Sie wirkt auf das Kind in jungem Alter anziehend, es bevorzugt sie vor anderen Medien. Sie hinterlässt eine deutliche Spur in seiner Persönlichkeit und sät in ihm die gewünschten Werte mit Hilfe der emotionalen Teilnahme. Sie lässt es mit den Charakteren der Geschichte fühlen und die erzählten Gespräche und Ereignisse miterleben. Sie spielt eine große Rolle bei seiner geistigen und gedanklichen Aufmerksamkeit und Achtsamkeit (reflektives Zuhören).

 

Möglicherweise ist das gezielte Erzählen von Geschichten die beste Methode, um Kindern manche Dinge fern von Anordnung, Verbot und direkter Ermahnung zu erklären.

 

Es kann das Kind aus seiner (schlechten) engen persönlichen Umgebung in eine bessere umfangreichere Welt befördern, in der ihm die charakterlichen Grundzüge und die Bedeutung von Standhaftigkeit und Erfolg vermittelt werden.

 

Ebenfalls ermöglicht es dem Kind, abstrakte Dinge wie Glauben, Aufrichtigkeit, Liebe und Emotionen zu verstehen. Die Personen und Ereignisse innerhalb der Geschichte bringen diese Bedeutungen und Begriffe auf anschauliche und lebendige Weise näher.

 

Die Geschichte hilft dem Kind dabei, besser zu denken und sich zu konzentrieren. Sie unterstützt es dabei, verschiedenste Gedanken zu vereinen und sie in ihrer aufeinanderfolgenden Reihenfolge während seines Schlafes wiederzugeben (Anleitung zur Erziehung in der Familie).

 

Weiterhin fördert sie die kulturelle Bildung der Kinder. Viele Geschichten beinhalten wissenschaftliche, geschichtliche, geografische, handwerkliche, sprachliche, persönliche und gesellschaftliche Gedanken und Informationen. Sie bietet ihnen eine Gelegenheit, sich zu vergnügen und ihren Drang nach Spielen zu stillen.

 

Die Geschichte hilft den Kindern bei der Entwicklung ihres Sprachschatzes. Die Kinder sind in der Lage, eine Geschichte durch die Formung allgemeiner Bilder und Ereignisse zu erfassen, obwohl sie die Bedeutung mancher Wörter nicht verstehen. Durch den Zusammenhang erfahren sie dann viele neue Wörter (Bildung der Kinder).

 

Die Geschichte... Aber wie?

1. Die besten Quellen für reine, anregende Geschichten sind wohl das Offenbarungsbuch Allâhs des Gewaltigen, die Geschichte des Gesandten  möge Allah ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken und das Leben dessen Gefährten, deren Nachfolger und den anderen Helden dieser Umma.

 

Allerdings muss Folgendes beachtet werden:

 

- Die Familie selbst muss genügend Zeit aufbringen, diese Geschichten zu lesen, zu hören und Fragen zu beantworten. Nur so kann man die Neugierde des Kindes stillen und seine Liebe zu den Geschichten wecken.

 

- Die Familie soll die Geschichte auf spannende Weise und sprachlich einfach erzählen. So gelangt sie in Herz und Verstand des Kindes.

 

- Man muss sich sicher sein, dass die Geschichten einer guten Quelle entstammen. Man sollte unsichere Quellen vermeiden, weil es einen schlechten Eindruck bei dem Kind hinterlässt, wenn es größer wird und erfährt, dass diese Geschichte nicht der Wahrheit entspricht (Kinder sind unser Fleisch und Blut!).

 

2. Die Eltern müssen sinnvolle Geschichten wählen, ohne ein furchterregendes Ende, ohne Mystik, ohne beängstigende Tiere. Beispiele für sinnvolle Geschichten:

 

Was dem Kind zu verstehen gibt, dass Allah über einen wacht:

Die Geschichte von Umar ibn Al-Chattâb mit der Milchverkäuferin und deren Tochter.

Was das Kind dazu verhilft, Allâh zu lobpreisen und Ihm zu danken:

Die Geschichte des Blinden, des an Vitiligo Erkrankten und des an Haarausfall Erkrankten (Zuhören und Reflektieren).

 

3. Wir sollten Geschichten über Formen von Verbrechen vermeiden, damit die Kinder nicht in einen Abgrund fallen. Auch von Erzählungen über Personen, die Alkohol trinken oder außerehelichen Geschlechtsverkehr vollziehen, sollte man Abstand halten (Anleitung zur Erziehung in der Familie).

 

4. Die Geschichten sollten realistisch sein: Komischerweise drehen sich heutzutage die meisten Geschichten um Abenteuer, Brutalität und Märchen- sowie Fantasiefiguren. Manche davon sind Monster oder Außerirdische. Man sieht das Kind mit Superman, Batman, Mickey und Aschenputtel in einer Fantasiewelt jenseits der Wirklichkeit versinken. Es sind alles westliche Geschichten, mit den entsprechenden Unsittlichkeiten und dem typischen Unsinn. Zumindest erfüllen sie keinen hohen pädagogischen Wert und spornen nicht zu einem guten Charakter oder den wahren Werten an. Viel schlimmer ist, dass sie das Dasein Allâhs vollkommen übersehen. Darüber hinaus gibt es Geschichten, die unseren Kindern von Figuren erzählen, die diese Welt neben Allâh regieren. Manche dieser Figuren sind sogar Geister oder Teufel. Diese Geschichten schaden unseren Kindern, indem sie diesen Angst und Furcht einflößen und ihnen weder Werte noch nützliches Wissen vermitteln (Unsere Kinder und Vergnügung).

 

Dass unsere Kinder davon so angezogen werden, hat einen Grund: Unsere Unfähigkeit als Muslime, Geschichten und Comicfilme in derselben Qualität zu produzieren, mit derselben interessanten und anziehenden Art. Dies ist eine unserer Lücken, die wir füllen sollten, um die Bedürfnisse unserer Kinder damit zu befriedigen.

 

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